Folder zur Ausstellung
© Jüdisches Museum Wien

Jüdisches Museum Wien, 29. Dezember 1997 - 28. Jänner 1998

MAßE DER ZEIT


Die jüdischen Feiertage sind einerseits biblisch mit den Daten des Kalenders, andererseits mit jahreszeitlich-agrarischen Gegebenheiten verbunden. Solange der Neumond noch nicht sicher astronomisch berechnet werden konnte, versammelte sich der Ältestenrat, beziehungsweise seine Nachfolgeinstitution, das Synhedrium, am 30. jedes Monats am Morgen und der erste Tag des folgenden Monates festgelegt: War die Mondsichel noch nicht gesichtet worden, so wurde der neue Monatsbeginn auf den Folgetag, also dem 31., verschoben. Signalfeuer und reitende Boten kündigten den Beginn des neuen Monats auch außerhalb Jerusalems an. Der Kalender schuf so eine gewisse Einheit zwischen Israel und der Diaspora. Da man damit rechnen musste, die Diaspora-Gemeinden nicht innerhalb eines Tages informieren zu können, wurde für diese festgesetzt, dass jeder 30. Monatstag Rosch Chodesch, also Neumond sei, so dass in den Fällen, da erst der 31. der erste Tag des neuen Monats ist, Rosch Chodesch zwei Tage gefeiert wurde. Das führte für die Diaspora auch zu einer Verdoppelung der übrigen Feiertage im Jahr (mit Ausnahme von Jom Kippur), so dass man außerhalb Israels bis heute jeweils einen zweiten „Sicherheitstag“ mitfeiert. Die weitere Zerstreuung der jüdischen Gemeinden erschwerte die Nachrichtenverbreitung jedoch dermaßen, dass die Einführung eines feststehenden Kalenders unumgänglich wurde. Schaffung und Publizierung eines festen jüdischen Kalenders war dem Patriarchen Hillel II. im Jahr 358/59 u.Z. zu verdanken. Der jüdische Kalender ist solilunar, das heißt, seine Monate sind nach dem Mond, sein Jahr ist nach der Sonne ausgerichtet. Er stellt also eine Mischung aus Sonnen- und Mondkalender dar. Aufgrund von Bestimmungen der Tora, zum Beispiel jener, dass Pesach in den Frühling fallen muss, verbindet der jüdische Kalender den Mondkalender mit dem Sonnenjahr ebenfalls durch einen Einschub, der jedoch aufgrund der hohen Differenz aus einem ganzen Monat besteht. Jedes zweite bis vierte Jahr wird zum Schaltjahr, indem nach dem Monat Adar ein weiterer, Adar II, eingefügt wird. Das Kalenderjahr mit seinen vier Jahreszeiten, seinen zwölf Monaten und Gestirnen in Form der Tierkreiszeichen ist nicht nur Basis für den jüdischen Festkalender, seine religiöse Wichtigkeit ist auch an der häufigen Darstellung der Jahreszeiten und des Zodiak, zum Beispiel in Bodenmosaiken spätantiker Synagogen im palästinischen Raum ersichtlich. Auch heute wird jeden Monat nach der Monderneuerung in den Synagogen ein Mondsegen gesprochen.

Kuratorin: Felicitas Heimann-Jelinek
Ausstellungsarchitektur: Martin Kohlbauer
Grafik: Maria-Anna Friedl